Der Originalbeitrag entstand auf dem Google+ Profil von Robert Kindermann.

Das Fernsehen wie wir es kennen, steht vor den größten Veränderungen seiner Zeit. Werbegelder wandern Richtung Netz. On Demand Dienste versorgen den Nutzer zu jeder Zeit mit seinen Lieblingsinhalten. Neue Fernsehgeräte bieten mehr Zugang zu Videoinhalten als jemals zu vor. Wer nicht die exklusivsten und besten Inhalte liefert, wird perspektivisch in die Bedeutungslosigkeit absinken. Nischenprogramme werden plötzlich rentabel und knabbern am Mediennutzungsbudget der Konsumenten.

Und jetzt auch noch dieses Social TV. Ich will zur Zeit nicht in der Haut eines Fernsehmachers stecken und all diese Probleme gleichzeitig auf dem Tisch haben. Gerade dieses Social TV. Was ist das überhaupt und was sollen wir nun damit machen, dass Menschen öffentlich dadrüber reden, wie sie über das denken, das sie schauen?

Als das ZDF den TED erfunden hat, das Abstimmen per Anruf, hatten wir dafür keinen besonderen Namen. Als plötzlich Anrufer bei Erika Berger auf RTL zugeschaltet waren, um Sexfragen zu erörtern, hatten wir dafür keinen besonderen Namen.

Also was ist nun wirklich neu? Nunja, die Fernsehleute hören plötzlich Leute öffentlich über das Fernsehprogramm reden, obwohl gar niemand gefragt hat.

Wer bei Twitter nach RTL sucht, bekommt plötzlich 1000 Meinungen zum aktuellen Programm. Bei dem, was RTL täglich versendet, ist die Chance, dass es sich um negative Kritik handelt auch noch ziemlich groß.

Da heißt es also erstmal: Aushalten! Zurücklehnen und sich klar machen, dass die das vor allem schreiben, um sich mit einer eigenen Meinung zu profilieren und sie das Programm scheinbar ja trotzdem schauen.

Viel schlimmer ist es auch wenn niemand drüber spricht. Dann schaut im schlimmsten Fall auch keiner zu. Leider habe ich noch kein Tool entdeckt, das aufgrund der Twitteraktivität zu einer Fernsehsendung Rückschlüsse auf die Quote zulässt.

Dieses Aushalten ist nicht so schwer, ich denke die Redaktion der BILD-Zeitung wird da bald Weiterbildungskurse anbieten.

Hinhören sollte ich natürlich wenn mein Programm inhaltlich kritisiert wird. Wenn daraus erkennbar wird, dass wir Werte zerstören, statt sie zu schaffen. Wenn Menschen schreiben, dass sie nicht wissen, ob das RTL Nachmittagsprogramm Fake oder Real ist und RTL-Chefin Anke Schäferkordt in Diskussionsrunden behauptet, dass die Leute das sehr wohl unterscheiden können, sollte man sich Gedanken machen, wessen Wahrnehmung hier an der Realität vorbeigeht.

Wenn Menschen schreiben, dass man Fehler macht, sollte man sich höflich bedanken und den Fehler korrigieren. Wenn ich mitbekomme, dass sie mein Programm lieben, kann ich mich mit ihnen freuen.

Es ist eigentlich gar nicht so schwer – dieses menschlich Sein, auch auf sozialen Plattformen.

Wer aber ein Fernsehkonzept auf Social TV aufbaut, landet am Ende bei Quoten von GIGA oder 9LIVE – also in vollkommener Irrelevanz. Das kann nicht das Ziel eines Fernsehmachers sein. Warum ist das so? Weil die wenigsten Leute partizipieren wollen. 99 – 99,9% der Zuschauer wollen konsumieren. Selbst bei YouTube liegt die Partiziationsrate bei 0,1 – 1% vergleicht man Views und Interaktion unter dem Clip. Auf 1.000.000 Views kommen vielleicht 1.000 – 10.000 Kommentare und “gefällt mir/gefällt mir nicht”-Klicks.

Aber man sollte diese ungewollte Öffentlichkeit nutzen. Für Anregungen, Weiterdrehs, Impulse für interne Diskussionen, Impulse welche Themen gesetzt werden sollten, für die Analyse der Außenwirkung.

Das heißt auf gar keinen Fall, dass man diese Interaktionstools gar nicht erst zur Verfügung stellen sollte. Im Gegenteil: jedes Angebot ohne Social Tools (Sharing, Comments, Likes/Favs) wirkt heute weder lebendig, noch zeitgemäß. Außerdem beziehen sich die oben genannt 99 % ja nicht auf eine Personengruppe – jeder kann mal zu dem einen Prozent gehören, dann muss die Möglichkeit bestehen, zu interagieren und zu kommunizieren.

Fernsehen, Musik hören, ein Buch lesen. All das sind intime Momente, etwas privates. Niemand will permanent zur Partizipation aufgefordert werden. Der Zuschauer will unterhalten und informiert werden, sie wollen mit ihren Freunden darüber sprechen. Ansonsten spielen sie ein Spiel, das sie komplett in der Hand haben. Dagegen kann das Fernsehen so oder so nicht ankommen.

Fernsehen war schon immer social, hat Menschen verbunden. Deshalb haben Live-Events und einmalige Geschichten die größten Quoten. Alles andere wird wohl aus dem Fernsehen abwandern, weil es dort keinen Sinn mehr macht, weil ich es dann konsumieren möchte, wenn ich darauf Lust habe.

Wer heute in die Schule kommt, kennt keine Welt ohne YouTube. Diese Sozialisation sollten sich Fernsehmacher schnellstmöglich bewusst machen und verinnerlichen.

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Robert Kindermann Hat hier 2 Beiträge verfasst.

Robert Kindermann arbeitet bei 1LIVE, als Gastdozent bei der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und produziert in seinem Blog 1000 Ideen in 1000 Tagen. Was er niemals schaffen wird.